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Laudatio von Prof. Paul M. Zulehner

Um sich der Mitwelt zu offenbaren, ist es völlig unnötig, Memoiren zu verfassen. Es reicht, Bücher zu schreiben. Wer das tut, betreibt bereits – oft ohne es zu merken –Selbstoffenbarung. Und das für den Leser viel authentischer als es durch Memoiren geschehen kann. Denn diese sind kaum mehr als der angestrengte Versuch, durch Beschreibung das, was man gelebt hat, noch einmal umzuschreiben. Und das einzig mit dem Ziel, sich und sein Leben in ein gutes Licht zu rücken. Ich traue keinen Memoiren. Peter L. Berger hat zum Glück keine richtigen Memoiren geschrieben. Noch nicht.

Humor
Dabei hätte er eine Voraussetzung, die seine Memoiren noch interessanter machen würden als jene vieler anderer.  Peter L. Berger hat Humor. Seine Wissenschaft war immer eine fröhliche Wissenschaft, so das erste Kapitel seiner Einladung zur Soziologie.

Bei einem Abendessen mit ihm beim Gastgeber Rudolf Bretschneider konnte ich dies miterleben. Peter L. Berger ging gerade mit seiner Soziologie über den Humor, dem „Erlösenden Lachen“, schwanger. Er erzählte einen guten Witz nach dem anderen. Nicht irgendwelche, bloß zur Unterhaltung (was ja in unserer arbeitswütigen Kultur auch schon eine gute Alternative wäre). Nein, seine Witze führten „hinters Licht“ und deckten damit auf, was im Grund ist.

Von dieser Art waren sie: Ein Rabbi wacht an einem herrlichen Sabbatmorgen auf. Die Versuchung, Golf zu spielen bemächtigt sich seiner derart, dass er nicht wiederstehen kann. Jahwes Engel sieht dies und tritt vor seinen Herrn: Herr, der Rabbi spielt am Sabbat Golf... Also muss Strafe sein. Der Engel Gottes steigt hernieder und muss selbst auf den Platz des Vergehens. Der Rabbi setzt gerade zu einem Schlag an. Und es gelingt im ein hole in one: die Kugel fällt direkt in das weit entfernte Loch. Erbost kehrt der Engel zum Herrn im Himmel: Das soll eine Strafe sein, ein derart erfolgreicher Schlag? Von wegen, erwidert Gott: er darf es niemandem erzählen. – Was wäre die Wirklichkeit ohne Kommunikation!

Das Buch über das erlösende Lachen zeigt zudem, wie eng ein Thema mit der Methodik seiner Behandlung verwoben ist. Man kann ein solches Buch über den Humor nur schreiben, wenn man selbst Humor hat und das Methode und Präsentation der Einsichten bestimmt.

Religion
Sollte dies alles auch für eines der Leibthemen Peter L. Bergers gelten, die Religion? Wenn die bisherigen Annahmen stimmen, dann sind die religionssoziologischen Werke auch eine Selbstoffenbarung; und dann bestimmt die ureigene Religiosität auch die Präsentation der Einsichten.

Als bald nach dem Konzil der Leiter des Wiener Priesterseminars heiratete, bekam ich über Nacht, worum ich über Jahre vergeblich bat: Studienurlaub für weitere wissenschaftliche Entwicklung. Ich wollte meine über acht Jahre erarbeitete Theologie in einen produktiven Dialog mit jener Religionssoziologie bringen, für die mich während des Studiums schon mein Lehrer Johannes Schasching begeistert hatte. Es war 1972. Sowohl Thomas Luckmanns „The invisible Religion“ wie Peter L. Bergers „The Sacred Canoy“ waren schon erschienen und bestimmten die religionssoziologische Diskussion unter starker Verwebung mit der Wissenssoziologie.

Ich schrieb an Peter L. Berger, ob er mich nehmen würde. Er riet mir aber, ich sollte zu Luckmann gehen. Dabei lernte ich die theoretische Verwandtschaft wie auch die bemerkenswerten Unterschiede im Konzept dieser beiden wissenschaftlichen Freunde kennen.

Für Luckmann war die Religion vor allem unter den Bedingungen der Moderne ganz was Innerliches, privat, verborgen in den letzten Winkeln der Seele, und derart funktionalisiert, dass jeder, der auch nur ein wenig menschlich ist, unentrinnbar religiös sein muss. Anlässlich eines Kongresses in Rom lud mein langjähriger Lehrer Johann Schasching, der mir die ersten Schritte in der Soziologie beibrachte, zu einem Ausflug zu den etruskischen Gräbern in der Nähe Roms ein: Unvermeidlich kam das Gespräch auf Luckmanns These von der Radikalprivatisierung und damit Deinstitutionalisierung der Religion in der Moderne. Wir – Schasching und ich – hielten ihm in Kenntnis der großen religiösen Organisationen entgegen, ob sich nicht alles, was menschlich ist, letztlich nicht nur innerlich ereigne, sondern immer auch gesellschaftlich zeige und organisiere? Und das vielleicht nicht auf der hohen und abstrakten gesellschaftlichen Ebene (über die zu reden der deutsche Soziologie Franz Xaver Kaufmann ohnedies ablehnte), sondern in den intermediären Strukturen von Gemeinschaften und Gruppen.

Auch Peter L. Berger machte behutsam Anmerkungen zum Religionskonzept seines Freundes Luckmann. Diese gingen aber noch einmal in eine andere Richtung: Peter L. Berger war religionssoziologisch die funktionale Seite natürlich unverzichtbar.

Ein Nobellpreisträger hat einen Bungalow. Über dem Eingang hängt ein Hufeisen: Öffnung fachgerecht nach oben offen. Kommt ein Freund auf Besuch, sieht das Hufeisen und fragt, ob er denn als moderner Wissenschafter daran glaube. Natürlich nicht, antwortet dieser: Natürlich nicht. Warum er das Hufeisen dennoch hänge habe. Ja, sagt der Nobellpreisträger, unlängst habe ihm jemand geraten: Das soll auch denen helfen, die nicht daran glauben.

Die funktionale Dimension der Religion reichte aber Peter L. Berger nie aus. Denn wohin strebe dieser nützliche Akt der funktional verstandenen Religion? Hat der Weg nicht auch ein Ziel, das nicht einfach das Funktionieren des Lebenshaushalts der Person und der Gesellschaft ist? Zielt der religiöse Akt nicht doch auf das, was die großen Religionsgelehrten Otto oder Eliade mit Blick auf die Jahrtausend alte Menschheitsgeschichte das Heilige nennen, das sich dem Menschen als „mysterium tremendum et fascinosum“ selbst erschließt? Noch zugespitzter: Kann die Religion ihre funktionale und damit immer auch kritische Kraft in der Gesellschaft nicht gerade deshalb ausüben, weil sie den Menschen auf das Wissen um eine Wirklichkeit bezieht, die nicht „von dieser Welt“ ist?

Berger verstand diese substantivische Füllung des funktionalen Religionsbegriffs als Konkretisierung, während sie Luckmann als unerlaubte Eingrenzung erscheinen musste. Diese elementare Diskussion ist längst nicht ausgestanden. Denn was ereignet sich zur Zeit in modernen – auch europäischen – Gesellschaften, wenn es gegen alle Säkularisierungsannahmen gerade in den hochsäkularen Gesellschaften einen Megatrend der Respiritualisierung gibt? Peter L. Berger hatte schon 1973, als alle Fachkollegen mit der Unfehlbarkeit des römischen Papstes die Säkularisierung der modernen Welt vorhersagten, die Irreversibilität der Säkularisierung angezweifelt. Die Entwicklung scheint ihm vorläufig Recht zu geben. Desäkularisierung finde statt, so Berger mit anderen kürzlich (1999).

Das ist auch der Hintergrund, warum Peter L. Berger die Frage stellen konnte, warum in aller Welt Religion Hochkonjunktur habe, nur Europa als Katastrophengebiet der Religion die Ausnahme sei, zumindest bis zur Mitte der Neunzigerjahre, weil von da an alle bisherigen Prognosen anfingen ihre Tragfähigkeit zu verlieren.

Warum aber insistiert Peter L. Berger auf die inhaltliche Seite der Religion? Auf das Woraufhin also die substantivische Dimension des natürlich immer funktionalen religiösen Aktes? Luckmann blieb in der kurzen Zeit, da ich sein Schüler sein durfte, in seiner eigenen religiösen Position genau das, was er schrieb: „invisible“. Anders Peter L. Berger, der zwar unumstritten und methodologisch saubere Religionssoziologie machte: bei aller atheistischen Methodologie schimmert zwischen den Zeilen durch, was Peter L. Berger selbst ist – auch wenn er das nicht gern zugibt.

Methodologie
Aber auch die gut reflektierte wissenschaftliche Methode Bergers lebt von seiner ureigenen religiösen Position. Ich habe in den letzten Jahren im Rahmen des mit dem ungarischen Religionssoziologen Miklos Tomka betriebenen großen Forschungsprojekts AUFBRUCH über die Beschädigung der religiösen Kultur in Ost(Mittel)Europa auch die von Kommunisten betriebene Religionssoziologie kennen gelernt. Und auch im vermeintlich aufgeklärten Westen betreiben nicht wenige Wissenschafter Religionssoziologie nicht nur methodologisch atheistisch, sondern machen vielfach atheistische Religionssoziologie.

Während meines Studiums bei Thomas Luckmann in Konstanz war dort auch ein Stipendiat aus dem damaligen Yugoslawien (heute  lebt er in Slowenien). Seine Fragestellung lautete, warum die Religion auch nach Jahren erfolgreichen Tito-Kommunismus noch nicht von selbst abgestorben sei. Er fand eine bemerkenswerte regimekritische Erklärung: Es sei eben dem Kommunismus noch nicht hinlänglich gelungen, jenes Elend zu beseitigen, dessen opiater Widerschein eben die Religion sei.

Peter L. Berger würde wohl eine solche Forschungsfährte nie einschlagen. Er ist, wie es Prisching in seinem Folder zum Berger-Workshop sachte formulierte, nie „in Kollision mit einer theologischen Welt gekommen“. Vielmehr ist zwischen den Zeilen eine ehrliche Sympathie zur Religion herauszuspüren. Er begibt auf die Spuren der Engel und wird auch reichlich fündig; er redet vom Segen und der Wohltat der Religion, auch wenn er die Nachteile konkreter Religion nicht vertuscht: schon gar nicht jene meiner katholischen Version, bei der er (als Lutheraner) doch beträchtlichen Modernitätsmangel, näherhin zu wenig Respekt vor der modernen Freiheit aufspürt. Der Protestantismus hat es für ihn da leichter – ob er das auch so sehen würde, wenn er Katholik wäre, ein Denkspiel, das für die katholische Kirche außerordentlich faszinierend wäre.

Aber unbeschadet solcher konfessionellen Details: bei Peter L. Berger paart sich sauberer methodologischer Atheismus mit vornehmer Sympathie vor dem erforschten Gegenstand.
Diese Sympathie war es, die mich als jungen Theologiestudenten schon anzog.

Keine kryptische Wissenschaftssprache
Dazu kommt seine geniale Didaktik. Peter L. Berger versteckte sich auch und gerade in seinen wissenschaftlichen Darlegungen nicht hinter einer Wissenschaftssprache, die auch der Verfasser erst bei zweimaligen Lesen sicher versteht und beim dreimal Lesen erst der jenige, der zur „Wissenschafts-Kirche“ von Niklas Luhmann gehört.

Gerade solche Wissenschaftssprache ist in modernen Bildungsgesellschaften Goldes Wert. Die Steuerzahler, Politiker, Medienleute fragen ungeduldig nach der gesellschaftlichen Relevanz zumal der Geisteswissenschaften, für welche die hochverdiente ÖFG eine einsame Lobby ist. Das nützt es dann eben nichts, für kleine wissenschaftliche Jüngerkreise bemerkenswerte Einsichten zu erarbeiten. Sie müssen auch unters Volk. Wissenschaftern, denen man ja nachsagt, sie seien die säkularisierten Priester, müssen eben auch gehaltvoll und verständlich „predigen“ und können sich nicht hinter einer kryptischen Sprache verbergen: Oder tun sie dies wie manche Priester in den Kirchen, weil sie keine Einsichten, sondern nur Worthülsen haben?

Ökonomische Kultur
Das, was wir an Gedanken (gedruckt oder auch gesprochen) der Öffentlichkeit übergeben, ist eine Selbstoffenbarung. Dieser Annahme entgeht auch meine Laudatio nicht. Ich habe Peter L. Berger auf dem Hintergrund meiner eigenen Begegnungen mit ihm wahrgenommen: zunächst den Begegnungen in seinen Büchern, dann in der angestrebten und doch nicht stattgefundenen Begegnung anlässlich meines Humboldtstipendiums, und dann seltene und doch unvergessliche Begegnungen in seiner österreichischen Heimat, die ihn in unseliger Zeit nicht duldete. Zudem sind Humor und Religion Themen, die nicht nur Peter L. Berger nahe liegen, sondern die auch mich anziehen. Dabei kann es aber nicht bleiben.

Wer meiner Laudatio nur oberflächlich zuhört könnte ja meinen, Berger sei nur herausragender Religionssoziologe (was er mit Sicherheit ist). Er könnte vielleicht auch zu Gunsten von Berger annehmen, dass ich als Laudator eben nur davon etwas verstünde. Beides wäre höchst fahrlässig und soll tunlichst vermieden werden.

Denn Peter L. Berger hat sich auch in anderen Bereichen der Sozialwissenschaft bleibende Verdienste erworben: und dies – was für den modernen Wissenschaftsbetrieb insbesondere in den Geisteswissenschaften geradezu exemplarisch ist – in effektiver Teamarbeit: mit seiner Frau Brigitte, mit Hansfried Kellner oder eben mit Thomas Luckmann, um nur drei wichtige Beispiele zu nennen.  

Der gemeinsame Nenner der unterschiedlichsten wissenschaftlichen Hochleistungen ist der nie abzuschließende Versuch, dem Rätsel der Gesellschaft näher zu kommen. In allgemeintheoretischen Arbeiten hat er sich mit der Methodologie sozialwissenschaftlichen Forschens auseinandergesetzt. Er analysierte die moderne Gesellschaft und ihre kulturelle Befindlichkeit als Ganze. Von da her interessierte ihn nicht nur die Religion und ihr Schicksal unter den Bedingungen der sich rasch entwickelnden unterschiedlichen Varianten der Moderne, sondern auch die ökonomische Kultur. Zu deren Erforschung hat er in Boston ein eigenes Institut. Wie in der Religionssoziologie erweist sich Berger inspiriert von der klassischen Perspektive Max Webers und dessen Annahme, dass das religiöse Konzept des Calvinismus jene Wirtschaftsethik aus sich heraus geboren hat, die zum Aufschwung des Kapitalismus nachhaltig beigetragen habe.  Berger musste aber diesen theoretischen Ansatz Max Webers ausweiten, um sozialwissenschaftlich verstehbar zu machen: den Aufstieg südostasiatischer Länder, den Erfolg chinesischer Familien und indischer Techniker. Im Rahmen des Bostoner Instituts ist eine Reihe bahnbrechender Untersuchungen entstanden, die sich mit der ökonomischen Kultur unterschiedlicher Ethnien, Religionsgemeinschaften und sozialer Gruppen befassen – über China und Japan, über schwarzes Unternehmertum, über den protestantischen Einfluss in Südamerika, über christliche Gemeinschaften in Brasilien, über Boston und Südafrika. Dazu kommen allgemeinere Studien über die Entwicklung von Wohlfahrtsstaaten, das Problem des gesellschaftlichen Vertrauens oder Stadtkulturen.

Familiensoziologie
Während sich in solchen Studien zur ökonomischen Kultur der Horizont des Forschens auf die ganze Welt weitet, gräbt in anderen Studien Berger auch in die Tiefe. Dann kreist sein Forscherinteresse um den einzelnen Menschen oder um die Mikrowelt der Familie. Und dies immer unter den Bedingungen moderner Gesellschaften mit ihrem ökonomischen Reichtum, ihrer Liberalität und damit unvermeidlich verwoben ihrer Pluralisierung, ihrer Rationalität und ihrem Hang zur Bürokratisierung. Das bringe den einzelnen nicht nur enormen Chancen, sondern erzeuge ungewollt „Unbehagen“ und „Heimatlosigkeit“. Früh hat Berger thematisiert, was heute von anderen als Erlebnis- und Risikogesellschaft diskutiert wird.

Wie sensibel Peter L. Berger für kommende Themen war – was ihn zu einer Art Propheten unter den Priestern der Soziologie macht – , zeigt sich auch an jenem Forschungsthema, das ihm schon seit den Sechzigerjahren treu ist.  Während in den bewegten 60erjahren viele begannen, das Ende der Familie herbeizuprognostizieren, verfasste er mit Hansfried Kellner einen viel zu wenig bekannten Beitrag über „Die Ehe und die Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Abhandlung zur Mikrosoziologie des Wissens“ (in: Die Soziale Welt 16[1965], 220-235). Und wieder gegenläufig zum Mainstream der Annahmen bzw. des Wünschens von Teilen der modernen Gesellschaft veröffentlicht er zusammen mit seiner Frau Brigitte, mit der er menschlich wie wissenschaftlich ein exzellentes Paar bildet, eine „Verteidigung der bürgerlichen Familie“ (1980). Brigitte Berger ist soeben dabei, eine weitere Publikation zu diesem Anliegen vorzubereiten. Ein markantes Zitat daraus:
"Eines der hervorstechendsten Merkmale der modernen Gesellschaft besteht in der Dürftigkeit und Fragmentarisierung der sozialen Beziehungen des einzelnen. Unter diesen Bedingungen kann man nur erwarten, daß sowohl Identität wie Bedeutung unstabil, unzuverlässig und darum angsterfüllt werden... daß es unter diesen Umständen für die Gesundheit und das emotionale Wohlbefinden des einzelnen lebensnotwendig ist, einige stabile, verläßliche und unfragmentierte Beziehungen zu haben - das heißt Beziehungen, die als lebenslang geplant sind, deren basale Voraussetzungen sich nicht ändern und die alle Aspekte der Identität des Individuums bestätigen... Man könnte sagen, bestünde nicht schon eine solche Beziehung, sie müßte erfunden werden. Nun freilich, sie wurde erfunden; die moderne Ehe ist die charakteristische institutionelle Erfindung, die bestimmt ist zur Befriedigung dieses Bedürfnisses nach stabiler Identitätsaffirmation." (Berger u.a., In Verteidigung, 200f)

Neuerlich bin ich versucht, auf meine Eingangsvermutung zurückzukehren: Wer vertritt solche wissenschaftliche Positionen, zumal zusammen mit seiner Ehefrau? Dieses bislang unüberholte familiensoziologische Grundlagenwerk vermeidet ethische Appelle, und ist dennoch ein solcher aus der Kraft des Indikativs. Und schon vor jeder rezenten Männerforschung findet sich im Buch der Hinweis, dass vielfach Kinder heute in der „Madonnenszene“ groß werden: „Mutter mit Kind“, ohne Vater, was nachweislich zwiespältige Folgen habe.

Solche Erkenntnisse tragen eine eigentümliche lebenspraktische Kraft in sich. Die Erkenntnis disponiert zu einem Handeln eigener Art. In der Sprache der alten Schulphilosophie: Berger erfasst das, was ist, das „esse“ also, und kann füglich darauf hoffen, dass daraus ein „agere“ wird, – ein Handeln, das für den Menschen und sein Zusammenleben mit anderen  (um eines seiner Lieblingsworte zu gebrauchen) zur „Wohltat“ wird. Bergers familiensoziologischen Grundlagenarbeit bringt dafür keine „zwingenden“ Argumente. Sie sind aber eine sanfte und vielleicht eben deshalb unwiderstehliche Einladung für den persönlichen Lebensentwurf ebenso wie für eine bodenfeste moderne Familienpolitik.

Einladung
Diese Beobachtung aus dem familiensoziologischen Bereich kann verallgemeinert werden. Das gesamte wissenschaftliche Lebenswerk von Peter L. Berger ist eine ständige Einladung: nicht nur zur Soziologie ganz allgemein, sondern auch zur Religion, zum Familie, zum Humor, und in all dem eine Einladung zu dem, was jeden wahren Menschen auszeichnet: zu einem aus hoher Liberalität geborenem wissenschaftlichen Nachdenken über Gott und die Welt und zu einem Leben gerade unter den Bedingungen der Moderne, das den Namen gutes Leben verdient.

Für Generationen wurde auf diese Weise Peter L. Berger in ihrer Ausbildung eine Leitfigur. Insbesondere seine mit Thomas Luckmann verfasste Wissenssoziologie „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ wurde für viele zu einer Basislektüre, um gesellschaftlicheses Denken zu erlernen. „Das war für mich eine Offenbarung“, so eine inzwischen renommierte Bildungsreferentin. „Es war so leicht zu lesen“, schwärmt sie heute, obgleich sie dem Buch in ihrem Studium 1974 begegnet war. „Es hatte Klarheit und Leichtigkeit und war verschmitzt.“ Solchem Lob aus Erinnerung ist nichts mehr hinzuzufügen. Wir ehren Peter L. Berger.

Moises geht in den Tempel und betet um Gesundheit, Vergebung der Sünden und einen Gewinn in der Lotterie. Jahr um Jahr macht er es. Er ist gesund. Die Sünden sind ihm vergeben. Aber der Gewinn in der Lotterie bleibt aus. Wieder ist er im Tempel und ringt mit Gott. Da hört er eine Stimme: Moises, könntest Du mir nicht eine Chance geben und ein Los kaufen?