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Laudatio von Dr. Marianne Gruber

Es hätte schneien sollen, aber es regnete. Die Stadt war grau und wenig einladend, als Rüdiger Safranski im Dezember 1997 nach Wien kam, um sein Buch Das Böse mit dem Untertitel Ein Drama der Freiheit in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur vorzustellen. 1997 war Konrad Lorenz Schrift Das sogenannte Böse noch nicht völlig vergessen, was auf dem Weg vom Hotel zum Veranstaltungsort die etwas naive Frage stellen ließ, ob man das Buch unter anderem als eine Antwort auf Konrad Lorenz verstehen könne.

Das kann man, lautete die einsilbige Antwort. Die Einsilbigkeit hielt bis zum Beginn der Veranstaltung an. Danach war alles anders.

Im Publikum saßen kaum Philosophen und Literaturwissenschaftler. Die gekommen waren, wollten sich verführen lassen oder waren schon Verführte durch Safranskilektüre und wollten nun den Autor persönlich kennen lernen. Dem Vortrag folgte eine angeregte Diskussion, die jenes Glitzern in den Augen der Zuhörer aufblitzen ließ, das sich nur einstellt, wenn man sich beflügelt fühlt und Denken zum erotischen Erlebnis wird. Einer der Zuhörer sagte anschließend beim zwangslosen Ausklingen Lassen des Abends: Das Bestechende sei für ihn die Sprache, wie klar das Gedachte in ihr auftrete. Er schlug sein mitgebrachtes, auf vielen Seiten angestrichenes Exemplar des vorgestellten Buches auf und las als Beispiel jenen Satz aus dem Kapitel über Hiob vor, der für ihn das Hiobproblem auf den Punkt gebracht hatte: “Hiob verzweifelt an Gott – doch ohne am ihm zu zweifeln.“

Über Konrad Lorenz und seine Darstellung des Bösen als Mißverstehen eines arterhaltenden Aggressionstriebs, als Mißverstehen der und unserer Natur im Gegensatz zu Safrankis Darstellung des Bösen als ein Drama, das sich unserer Freiheit verdankt und als Risiko, das Freiheit beinhaltet, wurde nicht diskutiert, wohl aber über das Böse und die Freiheit, es zu tun oder auch zu unterlassen.
Freiheit – ein schwer wiegender und schwieriger Begriff, den einzelne Philosophen zur Konvention erklärt haben, die aufrecht erhalten werden muß, um Verfassungen, die Menschenrechtsproklamation, den Glauben an die Notwendigkeit demokratischer Verhältnisse nicht ad absurdum zu führen und nicht auch Verantwortung zur Worthülse zu erklären, was heißt: um uns straffähig zu machen. Ein Standpunkt, den Safranski in einem anderen Zusammenhang mit „da benützt einer seine Freiheit im Kopf, um sich seine Freiheit wegzudenken“ kommentierte.

Keine Frage: Wir müssen die Welt, in der wir leben, die Eindrücke, die wir empfangen, die Ereignisse, die wir beobachten oder in die wir verwickelt sind, interpretieren, um uns wenigstens irgendwie zurechtzufinden. Alles Leben ist Interpretation. In ihr liegen unsere Chancen und unsere Irrtümer begründet: Wir müssen denken, um leben zu können, auch wenn es ein bescheidenes Denken sein sollte. Stünde dem Zwang und der Anstrengung, die das Denken mehr oder weniger – je nach Übung darin – erfordert, nicht Eros zur Seite, wäre es einzig, von Notwendigkeit erzwungen, farblos, grau wie das verregnete Wien an jenem Dezembertag. Nichts von dem Sich-Verschwenden, Sich-Vergeuden des Denkens wäre spürbar, nichts von einer der wesentlichen Triebfedern kultureller Evolution. Das ist der Schritt weiter, zu dem Eros verführt, zu den Abenteuern, die das Denken birgt, der Lust, die es bereit hält. Wir bedürfen dieser Verführung, also der Philosophie, die eine Verführung schlechthin ist, um sie der Indoktrination und dem Meinen entgegenzusetzen. „Philosophische Gedanken und Leidenschaften müssen zirkulieren und die abgezirkelten Departements der Öffentlichkeit überfluten“, sagt Safranski und tritt in seinen Büchern, Diskussionen – allem Reden über den Tod des Eros zum Trotz – als Verführer auf, um jenen Verführern entgegen zu treten, deren Wirkung sich der Ablenkung vom Denken verdankt.

Es ist gleichgültig, welches Buch oder welchen Essay Sie von Rüdiger Safranski lesen: Er, der Adorno-Schüler, für den das Böse in der Philosophie das Sinnabweisende und Sinnlose ist, scheint nichts anderes im Kopf zu haben als Abenteuer und die Lust daran, andere an diesen Abenteuern teilhaben zu lassen. Unmöglich, ein Werk vom Umfang des seinen in Kürze zu würdigen. Um diese Fülle zu bewältigen müßte man wenigstens ein Buch von 900, 1000 Seiten schreiben, vielleicht auch zwei oder drei solcher Bücher.

Da ist der große Block der Biographien: über E.T.A. Hoffman, Schopenhauer, Heidegger, Schiller, Zeitbiographien über den Deutschen Idealismus, die Romantik, die Biographie einer Freundschaft: Goethe und Schiller, die völlig neue Sichtweisen auf Personen, Werke und Epochen eröffnen und in manchem auf den zweiten Block hinweisen, der Bücher und Essays zu Problemen umfaßt, die so manche von uns beschäftigen und alle betreffen. Philosophieren bedeutet nicht, sich ohne Bodenberührung über das hinwegzuhanteln, was man an menschlichen Grundbedingungen erahnt und an Problemen sieht. Wie viel Wahrheit braucht der Mensch? Oder: Wie viel Globalisierung verträgt der Mensch? Globalisierung, von der es für einige nicht genug geben kann, nicht genug für jene, die das Sagen, also Macht haben, während jene, die unter dem Gesagten leben, ohne etwas zu sagen zu haben, die Globalisierung beklagen.

Dem Aufklärer, der vorführt, was das Denken vermag, obwohl bedrängt von Informationsflut, Boulevard und Müdigkeit in den Köpfen vieler, dem Zurechtrücker, dem Denk-Auswegweiser, dem hoffnungslos Altmodischen und hoffnungsfrei Morgigen ist schwer gerecht zu werden; dem Fallenaufdecker, wenn er zum Beispiel das Konsequenzgebot, das zu erfüllen immerhin den Ruf von Charakterstärke einträgt, aufs Korn nimmt. „Das Leben verarmt, wenn man unter dem Konsequenzgebot nur das zu denken wagt, was man glaubt leben zu können. Das Leben wird verwüstet, wenn man unter dem Konsequenzgebot um jeden Preis, auch um den der Zerstörung, etwas leben will, bloß weil man es gedacht hat“; der davon ausgehend die Verbindung zum Dilemma jener deutschen Generäle herstellt, die auf die Nachricht von Hitlers Tod warteten, um endlich aktiv zu werden, ebenso wie zu jeder Form des Terrorismus. Ganz selbstverständlich und für jedermann einsichtig tauchen in seinen Schriften Wörter auf, die ihren Sinn verloren zu haben scheinen, denen Sinn abgesprochen wurde oder die man als Irrtum abgetan hat. Freiheit zum Beispiel, Heimat oder Metaphysik.

„Metaphysik gibt es, weil die ‚Physik’ des Lebens Schmerz, Angst und Tod bereithält. ...Metaphysik findet in einer fremden, bedrängenden Welt Geborgenheit, indem sie sich einer ‚eigentlichen’ Welt vergewissert. Metaphysik will die quälende, verwirrende Unverständlichkeit der Welt verstehbar machen, indem sie das Denken auffordert, einen Schritt weiter zu gehen, als die menschlichen Sinne es wollen. Die Metaphysik lehrt die verängstigten Menschen, ihren Augen und Ohren, die wenig Erfreuliches vermelden, nicht zu trauen. Sie gibt ihnen dafür ein ‚geistiges Auge’ und ein „geistiges Ohr’. Mit ihnen soll man eine Welt entdecken, in der man Heimatrecht hat.“

Wahrscheinlich müßte man bei dem Versuch, Rüdiger Safranski gerecht zu werden Zeile für Zeile Rüdiger Safranski zitieren, was zu einer etwas ungewöhnliche Reproduktion seiner Bücher führte, denn klarer und einsichtiger ließen sich die angesprochenen Fragen und Probleme ja doch nicht benennen und besprechen, als es von ihm gesagt wurde, um sich der nach Peter Altenberg nächstfolgenden Genialität in die Arme zu werfen, dem Glauben an die Genialität des anderen.

Zurück zu jenem Mann aus dem Publikum im Dezember 1997, für den das Bestechende die Sprache Safranskis war. Er dachte an den einen der beiden Urstoffe Parmenides’: das ätherische, lichte, leichte Element des überall gleichen Feuers. Und er nannte die Sprache, weit entfernt von Parmenides, schön.

Vielleicht hatte er Safranskis Vorwort zu einer Textauswahl Nietzsches im Kopf, diese Stelle: „Kein Zweifel: in seinen besten Augenblicken gelingt Nietzsches eine spielerische Leichtigkeit der Sprache und des Gedankens, eine Beschwingtheit, die, auch unter schwerer Gedankenfracht zu tanzen versteht, eine Heiterkeit ‚trotzt allem’, eine Mischung aus Ekstase und Heiterkeit.“
Schönheit ist ein Begriff, in dem man sich leicht verirrt und Rüdiger Safranski verwendet ihn auch nicht, aber er lenkt auf ihn hin nicht nur in dieser Stelle. Wie immer man sie beschreiben möchte – sie vermag dem Denken die größtmögliche Freiheit einzuräumen und das Gedachte fühlen zu lassen. „Die Philosophie solle“, sagte er einmal in einem Interview, „mehr auf den Sprachleib achten. Schlecht geschrieben ist auch schlecht gedacht“. Das hebt er an Nietzsche hervor: das Zusammenspiel von gut geschrieben und gut gedacht und beschreibt indirekt, was er selber tut.

Im Schlußkapitel des Buches Wie viel Globalisierung erträgt der Mensch wird das Bild des Verirrtseins evoziert, das Verirrtsein in Verhältnisse, die „unübersichtlich, also waldartig sind“. Drei Möglichkeiten stünden offen: „nach den Ursprüngen zu suchen“, wobei die Gefahr besteht, „sich nach rückwärts und innen zu verirren“. Oder: „Geradeaus marschieren, um dort anzukommen, wo man meint hinzugehören: Wachstum und Fortschritt: Die Gefahr dabei: sich nach vorwärts oder außen zu verirren... Die dritte Möglichkeit: Sich am Ort gegenwärtiger Verirrung niederzulassen und, unbekümmert um Ursprung und Ziel, eine Lichtung zu schlagen. Lichtung: das lebbare Provisorium, das Wohnen in der Verirrung, der Triumph des Anfangen-könnens an Ort und Stelle, hier und jetzt, eine freie Stelle mit Blick zum überwölbenden Himmel, umringt vom Wald der Zivilisation, der aber auf Abstand gehalten ist“.

Das ist ein in die Sprache gebrachtes Bild und die Sprache bewegt sich in einem Rhythmus, der Sinnträger ist, sie wiegt das Erschreckende des Verirrtseins ohne Aussicht auf einen Pfad, der nur ein weitgehend vorgezeichneter sein könnte, – ein Widerspruch zu unserer Möglichkeit der Freiheit – aus Denken und Gefühl.

Nochmals: „Lichtung: das lebbare Provisorium, das Wohnen in der Verirrung, der Triumph des Anfangenkönnens an Ort und Stelle, hier und jetzt, eine freie Stelle mit Blick zum überwölbenden Himmel...“

Drei Kapitel vorher findet sich in dem oben genannten Buch eine überraschende Überschrift: Das Individuum und sein Immunsystem. Assoziationen schlagen bisweilen Purzelbäume. Vor mehr als 30 Jahren arbeiteten Victor Maturana und Francesco Varela über selfteaching systems. Sie wählten unser Immunsystem als Untersuchungsgegenstand. Es zeichnet sich durch Veränderbarkeit, die Fähigkeit andere zu verändern und der Fähigkeit zu permanentem Dialog aus, Varela sprach tatsächlich von Dialog. Eine neue Zelle in diesem System verläßt ihre Geburtsstätte vielleicht neugierig, gewiß lernfähig und ganz gewiß weitgehend unwissend. Alles, was sie zu leisten vermag, erlernt sich im ständigen Gespräche mit anderen, älteren Zellen. Lernen will heißen: Veränderung der Oberflächenstruktur. Sie tritt auch mit dem Fremden, dem Andersartigen in ein Gespräch ein, wird dadurch verändert und verändert den Diskussionspartner, der so das von ihm ausgehende Gefährdende verliert. Er ist ein anderer geworden, auch das Immunsystem ist ein anderes geworden.
Die Analogie mag erlaubt sein: In gewisser Weise sind wir ein selfteaching system. können fragen, uns selbst befragen, müssen es tun. Wir sind Lernende auch an uns selbst und an anderen. Was Francesco Varels in seinem Vortrag betonte, war dies: Der größtmögliche Erfolg des Immunsystems, mit dem Fremden, dem Bedrohlichen zurecht zu kommen, entspringt der Langsamkeit der Begegnung.

Langsamkeit, die Entschleunigung der Zeit ist eines der Themen Rüdiger Safranskis. Im November 2009 war Mensch und Zeit Titel einer Vorlesungsreihe.
Was aber ist die Zeit? Albert Einstein bezeichnete sie, ebenso wie den Raum in einem Brief an die Prinzessin Bonaparte als bloße Anschauungsform, allerdings als eine, ohne die wir nicht auskommen. Das ist nicht der gegenwärtige Stand in der Physik. Die Materie schaffe sich Raum, Zeit hingegen scheint weiterhin lediglich als physikalische Meßgröße auf. Als physikalische Meßgröße ist sie bei dem Versuch, eine Lichtung ins Dickicht zu schlagen, uninteressant. Während wir diese Lichtung schlagen, geht es um unsere eigene Zeit. Was aber ist unsere Zeit? Nicht die Zeit, die man von einer Uhr ablesen kann. Oft genug bedeutet der Blick auf den Chronometer, daß wir keine Zeit mehr haben. Den Uhren hetzen wir hinterher, während uns Beschleunigung vor sich her treibt. Diese „Zeiten“ machen atemlos. Für beide ist unsere Eigenzeit zu langsam. Das war einmal. Was tun? Mitte des 19. Jahrhunderts, heißt es, habe ein Paradigmenwechsel vom historischen zum naturwissenschaftlichen Weltbild stattgefunden. In der angesprochenen Vortragsreihe wird deutlich, daß Rüdiger Safranski einen weiteren Paradigmenwechsel voranzutreiben sucht, den zum humanistischen Weltbild einerseits als Schritt zurück und gleichzeitig als Schritt vorwärts in eine mögliche, der Gegenwart in diesem Punkt unähnliche Zukunft.
Wir werden sehen.

Philosophie mache die Welt geräumiger, hat er in einem der zahlreichen Interviews gesagt, zu denen man ihn eingeladen hat. Der Satz beinhaltet ein Versprechen – das auf eine geräumigere Welt. Keine Frage: Er löst es ein. Er schafft Raum, einen Denkraum, den man fühlen kann. Für unser Leben aber bedeutet Raum zu haben auch Zeit zu haben. In Variation zu einer Briefstelle Hegels an seine Verlobte, in der er schreibt: „Es gibt in Wahrheit nur eine Liebe, von der deine und meine Gefühle ein Pol sind“, könnte es heißen: Es gibt in Wahrheit nur ein Denken, von dem das Denken des Autors, des Sprechenden und des Lesenden wie Hörenden nur jeweils ein Pol sind. Dazwischen entsteht Raum, der Eigenzeit hervorbringen mag.

Verehrter Herr Safranski, ihr langjähriger Freund Cees Nooteboom hat sie als Optimisten beschrieben. Er kennt Sie gut und darum ist ihm Glauben zu schenken. Es muß so sein, denn Sie schreiben. Es muß so sein, auch wenn Sie über Verirrungen, Wirrungen, Bedrängnisse schreiben, auch wenn Sie eine sehr selbständige und vehement eingeforderte Einsamkeit benennen: „Kommen wir ... vom Globalen zurück auf den Menschen als Individuum in seiner begrenzten Lebenswelt und Lebenszeit. Dort muß jeder sein Verhältnis zwischen dem Denkbaren und Lebbaren selbst bestimmen...“
Bleibt die Frage, was diesen Optimismus speist.

Leonard Bernstein schreibt in seinem Buch Musik – die offene Frage über Gustav Mahler angesichts des dreifachen Todes, den Mahler vor Augen hat, den der Kinder, der Tonalität und der „faustischen Kultur“: „Wenn nun Mahler all das wußte – und seine Botschaft ist so klar – wie stellen wir es an, die wir es auch wissen, weiterzuleben? ... Wir stehen jetzt Aug’ in Aug’ mit der ... letzten Zweideutigkeit, dem menschlichen Unternehmungsgeist... – Wir mögen glauben, daß alles vergänglich ist, sogar, daß es vorüber ist: dennoch glauben wir an eine Zukunft. Wir glauben.“ – Vielleicht ist das der Weg, Zeit wieder zu finden „als den offenen Horizont schöpferischer Freiheit“. Vielleicht ist das die Quelle Ihres Optimismus, eines Optimismus „trotz allem“: die Leidenschaftlichkeit, mit der Sie nachdenken und schreiben.

Der Paul Watzlawick Ehrenring wurde Ihnen für die Klarheit der Sprache und des Denkens, für das Eröffnen neuer Zugänge zu alten neuen Fragen und alten zukünftigen Fragen zuerkannt. Vor allem aber für die gelungene Verführung Ihrer Leserschaft, für Ihre unermüdliche Provokation zum Denken als den anderen Pol, ohne den der Ausgangspunkt ins Leere ginge, das Feuer erlösche.
Es paßt, daß diese Initiative von einer Ärztekammer ausgeht, nicht nur Paul Watzlawicks wegen. In dem Gestrüpp von zirkulierenden Gedankensplittern, im Schwindel rotierender Zeit bedeutet Klarheit eine Therapie an den Verwirrungen der Zeit.

Eros, der Provokateur hat, mit Ihnen Glück gehabt.