Watzlawick EhrenringArchiv

Rüdiger Safranski – „Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?

Über das Denkbare und das Lebbare“ Carl Hanser Verlag 1990, Seite 206 bis 209

Wie gefährlich es ist, mit dem Wahrheitserfindungen der Dichter und Philosophen Politik machen zu wollen, kann man aus der Geschichte, insbesonders der deutschen, lernen: Wahrheiten aus dem Geiste des Platonismus, der Metaphysik, der Romantik, aus dem Geiste Hegels, Nietzsches oder Spenglers haben in der Politik großen Schaden angerichtet. Politisch brauchbar dagegen sind Ideen, die sich, um es philosophisch auszudrücken, auf das Transzendentale des Zusammenlebens beschränken, d.h. sich lediglich auf die Bedingung der Möglichkeit eines friedlichen und freien Zusammenlebens beziehen. Das sind Universalien, die eben nicht individuell sind, sondern von allen konkreten Wahrheiten, die sich der einzelne für seine Selbstgestaltung erwählt oder erfindet, abstrahieren und lediglich die äußeren Bedingungen der Freiheit und den wechselseitigen Schutz vor den gewaltsamen Übergriffen der „Wahrheiten“ der anderen garantieren.

Was wir brauchen, ist eine wahrheitspolitische abgemagerte Politik; eine Politik ohne Sinnstiftungsambitionen; keine Politik mit Seele, die dann vielleicht nach den Seelen der Bürger greift; wir brauchen eine Politik, die es den einzelnen erlaubt, nach ihren Wahrheiten zu suchen; eine Politik ohne geschichtsphilosophischen Pathos und weltanschauliches Tremolo. Eine Politik, die vielleicht gerade wegen dieser lebensdienlichen Enthaltsamkeit ein wenig langweilig, vielleicht sogar unansehnlich ist: ebenso unansehnlich und gewöhnlich wie unsere gewöhnlichen, alltäglichen, kleinkarierten, egoistischen Interessen, um deren vernünftigen Ausgleich untereinander und mit den natürlichen Lebensgrundlagen sich die Politik zu bemühen hat.

„Jeder bilde in sich die Menschheit“, sagte Schiller. Er hat recht: die großen Wahrheiten müssen privatisiert werden. Politik ist das Geschäft der Friedenstiftung im Felde der kombattanten Wahrheiten; eine Friedenstiftung, die keine übergreifende Wahrheit ins Feld führen kann, außer derjenigen, die sich auf die Gewährleistung menschenwürdiger Lebensbedingungen bezieht. Ihr wichtigster Beitrag dabei ist: auf die Einhaltung der Spielregeln zu achten, die jedem erlauben, seine Lebenswahrheit zu finden und zu erfinden. Die elementare Wahrheit der Politik sollte die Wahrheit dieser Spielregeln sein.

Man sollte so frei sein, gleichzeitig in zwei Welten leben und zwei voneinander getrennte Wahrheitsregionen gelten lassen zu können.

Die eine Wahrheitsregion, ich nenne sie der Einfachheit halber die kulturelle – sie hat es mit Selbsterfindung, Selbstgestaltung und damit verbunden mit Weltdeutungen und Weltentwürfen zu tun, kurz; mit dem höchst individuellen und existentiellen Akt der Sinngebung des Sinnlosen – diese Wahrheitsregion ist phantastisch, erfindungsreich, metaphysisch, imaginär, selbstversucherisch, überschwenglich, abgründig – wie auch immer. Sie ist nicht konsenspflichtig, sie braucht nicht gemeinschaftsdienlich, ja noch nicht einmal lebensdienlich zu sein. Sie kann in den Tod verliebt sein. Alles geht. Allerdings: wenn man nicht Opfer seiner eigenen Erfindungen werden will, sollten Ironie und Selbstdistanz, also Freiheit, mit im Spiel bleiben.

Die andere Wahrheitsregion, worin die Erfahrung der unaufhebbaren Andersheit des Anderen und der Respekt vor seiner Freiheit aufgenommen ist und die man deshalb die politische Wahrheitsregion nennen kann – diese Wahrheitsregion ist deshalb konsenspflichtig, deshalb vernünftig, sachlich, prosaisch, pragmatisch, gemeinschaftsdienlich, lebensdienlich.

Die kulturelle Wahrheitsregion kann bis ins Transzendente reichen, die politische muss auf jeden Fall transzendental bleiben.

Es kann sein, daß die Kultur das intensitätssteigende Leiden, die Tragik sucht; die Politik aber muß vom Prinzip der Verhinderung oder Linderung von Schmerzen ausgehen. In der Kultur ist oft sogar die Lust an der Gewalt im Spiel; in der Politik aber muß Gewalt verhindert werden; die Kultur sucht nicht nach Frieden, sondern nach Leidenschaft; die Politik aber muß auf den Frieden verpflichtet werden; die Kultur kennt Liebe und Erlösung, nicht aber die Politik, sie muß sich um Gerechtigkeit und Wohlfahrt sorgen.

Wir brauchen die abenteuerlichen Wahrheiten der Kultur und die nüchternen Wahrheiten einer abgemagerten Politik. Wenn wir die beiden Bereiche nicht trennen, besteht die Gefahr, daß wir entweder eine abenteuerliche Politik oder eine ausgenüchterte Kultur bekommen und, im schlimmsten Fall, sogar beides.

Diese beiden Wahrheiten, die kulturelle und die politische, sollen getrennt werden, aber nicht lediglich in der Form der Arbeitsteilung. Jeder sollte diese Trennung, diese Fähigkeit zu zwei Wahrheiten in sich ausbilden. In zwei Welten leben können mit getrennten Wahrheitsregionen – das wäre eine Lebenskunst, bei der man selber lebendig bleibt und die zugleich das gefährdete Unternehmen des gemeinschaftlichen Lebens am Leben läßt.

Rüdiger Safranski – „Die Romantik“

Romantik. Eine deutsche Affäre, Seite 133/134 und 392 – 394 

Kommen wir zum Ende. Die Romantik ist eine glänzende Epoche des deutschen Geistes, mit großer Ausstrahlung auf andere Nationalkulturen. Die Romantik als Epoche ist vergangen, das Romantische als Geisteshaltung aber ist geblieben. Es ist fast immer im Spiel,  wenn ein Unbehagen am Wirklichen und Gewöhnlichen nach Auswegen, Veränderungen und Möglichkeiten des Überschreitens sucht. Das Romantische ist phantastisch, erfindungsreich, metaphysisch, imaginär, versucherisch, überschwenglich, abgründig. Es ist nicht konsenspflichtig, es braucht nicht gemeinschaftsdienlich, ja noch nicht einmal lebensdienlich zu sein. Es kann in den Tod verliebt sein.

Das Romantische sucht die Intensität bis hin zu Leiden und Tragik. Mit alledem ist das Romantische nicht sonderlich für Politik geeignet. Wenn es in die Politik einströmt, sollte es mit einer kräftigen Zugabe von Realismus verbunden sein. Denn Politik sollte sich auf das Prinzip der Verhinderung von Schmerzen, Leid und Grausamkeit gründen. Das Romantische liebt die Extreme, eine vernünftige Politik aber den Kompromiss. Wir brauchen beides: die Abenteuer der Romantik und die Nüchternheiten einer abgemagerten Politik. Wenn wir die Vernunft der Politik und die Leidenschaften der Romantik nicht als zwei Sphären begreifen und als solche zu trennen wissen, wenn wir statt dessen die bruchlose Einheit wünschen und uns nicht darauf verstehen, in mindestens zwei Welten zu leben, dann besteht die Gefahr, dass wir in der Politik ein Abenteuer suchen, das wir besser in der Kultur finden, oder dass wir, umgekehrt, der Kultur dieselbe soziale Nützlichkeit abfordern wie der Politik. Wünschenswert aber ist weder eine abenteuerliche Politik noch eine politisch korrekte Kultur. Es war Friedrich Schlegel, der auf die Notwendigkeit der Trennung der Sphären hinwies, al er erklärte, man solle mit der Selbständigkeit des Schönen beginnen und sie vom Wahren und Sittlichen getrennt halten. So war es damals in der Epoche der Romantik zu jener grandiosen Entfesselung des Romantischen gekommen.

Die Spannung zwischen dem Romantischen und dem Politischen gehört zu der noch umgreifenderen Spannung zwischen dem Vorstellbaren und Lebbaren. Der Versuch, diese Spannung in eine widerspruchsfreie Einheit überführen zu wollen, kann zur Verarmung oder zur Verwüstung des Lebens führen. Das Leben verarmt, wenn man sich nichts mehr vorzustellen wagt über das hinaus, was man auch leben zu können glaubt. Und das Leben wird verwüstet, wenn man um jeden Preis, auch den der Zerstörung und Selbstzerstörung, etwas leben will, bloß weil man es sich vorgestellt hat.

Das eine Mal verarmt das Leben, weil das Vorstellbare aufgeben wird um des lieben Friedens willen; das andere Mal zerbricht es unter der Gewalt, mit der das Vorstellbare ohne Abstriche verwirklicht werden soll. Beides Mal hält man den Widerspruch zwischen dem Vorstellbaren und Lebbaren nicht aus und will ein Leben aus einem Guss. Ein solches Leben aber ist wohl doch nur ein romantischer Traum. Das Romantische gehört zu einer lebendigen Kultur, romantische Politik aber ist gefährlich. Für die Romantik, die eine Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln ist, gilt dasselbe wie für die Religion: Sie muss der Versuchung widerstehen, nach der politischen Macht zu greifen. Phantasie an die Macht! – das war wohl doch keine so gute Idee.

Rüdiger Safranski – Friedrich Nietzsche

Nietzsche. Biographie seines Denkens. Seite 167, 215/216

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? In dieser wunderlichen Welt der Phantasmen ist alles wirklich, aber es ist die Wirklichkeit der entfesselten Gewalt der kollektiven Selbstvermeidung. Nietzsche zielt hier nicht auf Kulturkritik. Das Theater der Selbstvermeidung gehört zuerst in die Anthropologie und erst dann in die Kulturgeschichte. Den Gedanken von der strukturellen Selbstvermeidung infolge der Unsagbarkeit der Person hat später Martin Heidegger so formuliert: „Jeder ist der Andere und Keiner er selbst“ (Heidegger 128).

Die eigene Individualität gleicht einer heißten Platte, die jeden Tropfen noch vor dem Aufprall in Wasserdampf verwandelt. Was da über der heißen Singularität der Individualität verdampft, sind die alltäglichen und erhabenen Begriffe von „Mensch“ und „Menschheit“ – lauter Fiktionen, doch mächtig genug, um das Spiel auf der Bühne des gesellschaftlichen Lebens zu arrangieren. Jeder ist verstrickt in die allgemeine Wirklichkeit und hat doch keine Sprache für seine Wirklichkeit. Er handelt und erkennt nicht, was in ihm handelt. Er redet und es schweigt in ihm. Rational zugänglich sind die Relationen des Menschengeflechts. Wir können die Verbindungen zwischen den Punkten verstehen, nicht aber, was dieser einzelne Punkt eigentlich ist. Wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, ist nachvollziehbar, unergründlich aber bleibt, was etwas ist.

Aber dieses Etwas ist nicht identisch mit der Erscheinung, auch wenn es sich um die Erscheinungen der „inneren“ Erfahrung handelt. Das Selbst, das auf der inneren Bühne der Selbstwahrnehmung erscheint, ist eine Figur im großen Spiel des Selbstseins, das selbst niemals erscheinen kann, aber alles Erscheinen erst ermöglicht.

Nietzsches Überlegungen treiben auf den Punkt zu, den die philosophische Tradition so formuliert: individuum est ineffabile, das Individuum ist unaussprechbar. Das Individuum ist nicht etwa deshalb unaussprechbar, weil es so voller Geheimnisse steckt, weil es lebendige Fülle und Überfülle ist, ein innerer Reichtum, den man nicht in kleiner Münze verschleudern sollte. Solche Geheimnisse und Reichtümer gibt es sehr wohl. Aber sie sind hier nicht gemeint. Sondern es geht um das strukturelle Problem, dass auch noch ein Bewusstsein des eigenen Seins doch immer nur Bewusstsein bleibt und nicht mit dem Sein verschmilzt. Den Identitätspunkt von Sein und Bewusstsein gibt es schlechterdings nicht – aber immerhin kommt ein auf sich selbst aufmerksames Selbstbewusstsein ihm so nahe, dass dieses Bewusstsein sich eine solche Identität vorstellen und wünschen, genauer: mehr wünschen als vorstellen kann. Aus dieser Erfahrung schöpfen die Gottesspekulationen, die jenen Punkt anvisieren, wo das Ganze in seiner unaussprechlichen Fülle zur Ruhe kommt, wo Sein und Bewusstsein identisch werden in undurchdringlicher Helligkeit. 

Nietzsches Offenheit für das Ungeheure des Sozialen ist wesentlich bedingt durch eine Art der Empfindsamkeit, die er nicht sonderlich an sich geschätzt, gegen die er später sogar gewütet hat. Es handelt sich um das Mitleid. Ein empfindliches Mitleiden-Können überblickt intuitiv auch die langen Verursachungsketten des zwischenmenschlichen Leides. Wenn die Kausalreihe zwischen einer Tat hier und ihrer Wirkung als Untat dort kurz sind, sprechen wir von Schuld; sind sie etwas länger, ist von Tragik die Rede; Schuld und Tragik können, bei noch längeren Verursachungsketten, sich zu bloßem Unbehagen verdünnen. Ein Mensch mit empfindlichem Gerechtigkeitsgefühl entdeckt auch noch in diesem diffusen Unbehagen den Skandal, der darin liegt, dass er immer auch ein Überlebender ist, der davon lebt, dass andere Not leiden und sterben. Nietzsche – mit seiner Leidenschaft für die Tragik und seiner Begabung für das Mitleid – entdeckt das Ungeheure auch als universellen Schuldzusammenhang alles menschlichen Lebens.

Nun hat Nietzsche aber unter seiner Begabung zum Mitleid gelitten. Für den Philosophen, der die Moral des Mitleids bekämpfen wird, ist ein fast schon osmotisches Mitleidenkönnen und – müssen charakteristisch. Nietzsche kann längst nicht so grausam, hart und rücksichtslos sein, wie er es später vom Übermenschen verlangen wird.

Rüdiger Safranski – Friedrich Schiller

Schillers Werke sind die Spielformen dieser Lebensarbeit. Er hielt sich an den von ihm formulierten Grundsatz: der Mensch ist ………..nur da ganz Mensch, wo er spielt (V,618). Das Spiel der Kunst ist die Epiphanie der Freiheit. Wie Nietzsche hätte auch Schiller sagen können: wir haben die Kunst, damit wir am Leben nicht zugrunde gehen.

Aus der Perspektive Schillers gewinnt der Idealismus wieder Glanz. Idealismus – daran ist nichts Veraltetes, wenn man ihn so versteht, wie ihn Schiller verstanden hat: der Freiheit eine Gasse; der Geist, der sich den Körper baut. So war Schiller auch ein großer Anreger der Philosophie am Ende des 18. Jahrhunderts. Er ist maßgeblich beteiligt an den epochalen philosophischen Ereignissen zwischen Kant und Hegel. Es wird davon zu erzählen sein, wie Schiller mitwirkte bei der Erfindung des Deutschen Idealismus; wie er zusammen mit Goethe zum Zentralgestirn des deutschen Geisteslebens werden konnte. Schiller – ein Kraftwerk der Anregungen auch für seine Gegner. Die Romantiker haben die Abgrenzung von ihm gebraucht, um sich selbst zu finden. Indem sie von ihm loskommen wollen, werden sie ihn nicht los.

So kommt es zur großen Oper des Geistes: in einem historischen Augenblick beispielloser schöpferischer Dichte stehen sie alle auf derselben Bühne, Goethe, Herder, Wieland, Moritz, Novalis, Hölderlin, Schelling, die Schlegels, Fichte, Hegel, Tieck – in ihrer Mitte Schiller, der Meister des Glasperlenspiels.

Schiller hat Epoche gemacht und deshalb gelangt man auf seiner Spur in die Biographie der Epoche von Klassik und Romantik. Im Hintergrund das politische Drama, das mit der Französischen Revolution beginnt.

Die Deutschen, sagte Heinrich Heine einmal, hätten nur im „Luftreich des Traumes“ ihre Revolution gemacht.

Vielleicht war der Idealismus ein Traum. Und die wirkliche Revolution? Vielleicht war sie ein schlechter Traum. Schiller, als er mit fünf Jahren Verspätung 1798 das Diplom der französischen Ehrenbürgerschaft in die Hände bekam mit den Unterschriften von Danton und all den anderen, die schon längst enthauptet waren, verständigte sich mit Goethe auf die Formel, man habe ihm ein Bürgerrecht zugesandt „aus dem Reich der Toten“ (3. März 1798).

Mit Schiller gelangt man in das andere Schattenreich der Vergangenheit: in das unvergessliche goldene Zeitalter des deutschen Geistes. Es sind Wunderjahre, die einem helfen, den Sinn für die wirklich wichtigen, für die geistvollen Dinge des Lebens zu bewahren. 

Quelle: Friedrich Schiller oder die Erfindung des Deutschen Idealismus

Seite 14