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Von der Unmöglichkeit, über Architektur zu schreiben?

Rede Friedrich Achleitner anlässlich der "Paul Watzlawick Ehrenring Verleihung" und der Wiener Vorlesung am 14. März 2011.

Mein Dank für diese große Auszeichnung ist ein nicht ganz freiwilliger Vortrag über ein Thema, das vermutlich auch Anlass für diese Ehrung war, und das mich mit großer Unsicherheit belastet. Ehrenringe können also den unangenehmen Nebeneffekt haben, dass sie den Beringten sanft auffordern, einmal, in Form etwa einer Ringvorlesung, darüber nachzudenken, was eigentlich die Möglichkeiten und Grenzen seines Handwerks sind. Ich muß vorweg gestehen, und das ist keine billige Koketterie, dass ich mich nie zu den Wissenschaftlern gezählt und auch nie den Versuch unternommen habe, etwa eine Architekturtheorie zu basteln. Ich verwende hier absichtlich das Wort Handwerk, weil ich meinen Umgang mit Sprache mit der Herstellung von Texten verbinde, die sich darin abmühen, ein ganz anderes Medium, nämlich die Architektur mit Hilfe der Sprache zu vermitteln.

Mir ist rechtzeitig eine Definition in die Hände gefallen, die Beat Wyss einmal, ich vermute nebenbei, und ohne zu ahnen was er damit anrichtet, als begleitenden Kommentar zum Baugeschehen bezeichnet hat. Das war Wasser auf meine Mühlen und gab mir die Chance, mir in dem ansich theoriefeindlichen Klima Wiens, eine begleitende Existenz einzurichten. Ausgangspunkt Mitte der 1950er Jahre war, um auch das noch zu erwähnen, dass ich von meinen Freunden der "wiener gruppe" die Meinung übernahm, dass Sprache ohnehin unfähig sei, irgend eine Form von Wirklichkeit zu erreichen oder gar abzubilden, jedoch könne sie eine eigene entwickeln. Offenbar verwechselten wir Wirklichkeit mit Wahrnehmung von Wirklichkeit, und, jedenfalls ich, hatte sicher Wittgenstein mißverstanden, was zu einem präziseren aber gleichzeitig lockeren Umgang mit  Sprache an sich führte. Ihre Verwendung und Profanierung als "Material", hatte zu ungeahnten Abenteuern geführt. Ohne diesen Irrtum wären wohl keine Montagen, Dialektgedichte, keine konkrete, visuelle Poesie oder Lautgedichte entstanden. Die Verachtung der beschreibenden Literatur (der Irrtum lag vielleicht schon darin zu glauben, dass es eine rein beschreibende Literatur überhaupt gibt) hatte jedenfalls Tore geöffnet. Seit dieser Zeit bin ich für jeden Irrtum dankbar. Gestatten Sie mir noch, dass ich für diese Ehrenring-Vorlesung (Paul Watzlawick würde vermutlich gleich die Frage stellen, handelt es sich um eine Ehrenring-Vorlesung oder um eine Ehren-Ringvorlesung) zunächst alte Quellen einer Dankesrede benutze, die ich vor 25 Jahren halten durfte, die den pessimistischen Titel hatte "Von der Unmöglichkeit, über Architektur zu schreiben". Heute verwende ich diesen Titel noch einmal, allerdings mit einem Fragezeichen, was vielleicht ebenso ein Irrtum ist. Ich benütze ein längeres Zitat:

"Heimito von Doderer hat einmal gemeint, es sei deshalb so schwierig, wenn nicht unmöglich über Literatur zu schreiben, weil Gegenstand und Reflexion sich im gleichen Medium befänden, weil also das Schreiben über Geschriebenes keine Chance hätte, das eigene System zu verlassen. Demnach wäre es schlüssig, dass das Schreiben über ein anderes Medium,  etwa über die Architektur, von  vornherein  mehr Aussicht auf Wirklichkeitsnähe, auf eine tatsächliche Vermittlung von Wirklichkeit hätte. Aber es ist offenbar gerade das Gegenteil der Fall. Ich möchte mich jetzt nicht auf die Wittgenstein´sche "Abbildtheorie" einlassen, aber zur Erinnerung den 610. Absatz aus seinen "Philosophischen Untersuchungen" zitieren:

Beschreib das Aroma des Kaffees! Warum geht es nicht? Fehlen uns die Worte? Und wofür fehlen sie uns? Woher aber der Gedanke, es müsse doch eine Beschreibung möglich sein? Ist dir so eine Beschreibung je abgegangen? Hast du versucht, das Aroma zu beschreiben, und ist es dir gelungen? 

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