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Laudatio von Prof. Helmut Rauch

Es ist sicherlich nicht leicht vom großen Kommunikationswissenschafter Paul Watzlawick zum großen Physiker Walter Thirring einen Bogen zu schlagen, obgleich beide bleibende Werte für die Menschheit erbracht haben und so als Vorbilder für junge Wissenschafter gelten können.

Der Eine – Paul Watzlawick -1921 in Villach geboren und dann hauptsächlich in USA – in Palo Alto in Kalifornien zu Hause, hat grundlegende Fragen der Kommunikation kritisch hinterfragt und dabei die Frage gestellt ob es überhaupt eine ontologische, d.h. eine absolute, Wirklichkeit gibt; und hier gibt es bereits eine direkte Beziehung zur modernen Physik, da im Rahmen der Interpretation der Quantenmechanik diese Frage nach einer objektiven Wirklichkeit ebenfalls gestellt wird. Watzlawick hat dazu den Konstruktivismus entwickelt und dabei die Interaktion kommunizierender Personen in Diskussion gebracht und auch hier gibt es wieder eine Parallelität zur modernen Physik, die eine unabdingbare Verbindung zwischen einem beobachteten Objekt und dem Beobachter schafft. Die Diskussion zwischen einem Optimisten und Pessimisten über ein halbvolles/halbleeres Glas mag dazu ein propates Beispiel sein. Dazu passen auch die von ihm – Paul Watzlawick – aufgestellten Axiome wovon das erste und wichtigste lautet „Man kann nicht nicht kommunizieren“, aber in der Tat noch viel tiefer gehen.

Der Andere – der heute zu Ehrende, Walter Thirring – wurde 1927 in Wien geboren, studierte in Innsbruck und Wien wo er 1949 bei Felix Ehrenhaft promovierte. Während des Studiums und dann danach als post-doc Zeit war er bei Erwin Schrödinger in Dublin, bei Werner Heisenberg in Göttingen, mit Wolfgang Pauli in Zürich und traf auch mit Albert Einstein in Princeton. Seit 1959 ist er Ordinarius für Theoretische Physik an der Universität Wien wo er 1997 emeritierte, aber seine Arbeiten kontinuierlich weiterführt. Er hat sich für die Beteiligung Österreichs am CERN-Forschungszentrum in Genf massiv eingesetzt, er war Gründer des Erwin Schrödinger Instituts in Wien und Direktor des Theoriedepartments am CERN.

Walter Thirring kann als Begründer der „Mathematischen Physik“ angesehen werden, eine Disziplin die im Wesentlichen versucht auf rein mathematischen Grundlagen die Existenz des Universums und damit auch die des Menschen verständlich zu machen. Neben den auch für mich nicht leicht zu lesenden Fachbüchern und Publikationen hat er auch Bücher geschrieben die ich jedem von Ihnen gerne ans Herz legen möchte, etwa:
•    Kosmische Impressionen. Gottes Spuren in den Naturgesetzen
•    Einstein entformelt; Wie ein Teenager auf die Schliche kam
•    Lust am Forschen: Lebensweg und Begegnungen.

Hier spannt sich auch der Bogen zu Paul Watzlawick da auch für Water Thirring die Kommunikation seiner Ideen sehr wichtig war und auch bei persönlichen Diskussionen aber auch bei Diskussionen in Fachseminaren klar zum Ausdruck kam dass Fragender und Befragter im engen Kommunikationskontext stehen, ein Kontext der der gerade heute in analoger Weise auch in der modernen Physik eine tragende Rolle spielt.

Bevor ich aber auf einige Details der wissenschaftlichen Leistungen Walter Thirring`s eingehe möchte ich einige Anmerkungen zum Lebensweg des zu Ehrenden machen. Wie bereits ausgeführt wurde Walter Thirring 1927 in Wien in einer Österreich bewussten gut bürgerlichen Familie geboren. Sein Vater, Hans Thirring,  war ebenfalls Professor für Theoretische Physik mit starkem Bezug zur Philosophie an der Universität Wien; nach ihm ist der bekannte Thirring-Lense Effekt benannt der, ein vorhergesagter Effekt der Allgemeinen Relativitätstheorie,  erst vor Kurzem auch experimentell verifiziert werden konnte. Er wurde von den Nazi`s von seinem Lehrstuhl entfernt und auch Walter hatte unter den NS-Regime zu leiden, was am besten unter „Gestohlene Jugend“ zu bezeichnen ist. Das bezieht sich auf den Niedergang der katholischen Neulandschule die er als Evangelischer Christ besuchte und auf schreckliche Vorgänge dort die bis zum Tot zweier Mitschüler reichten. Mit 16 Jahren wurde er, wie viele andere, als Flakhelfer rekrutiert und konnte sich mit etlichen verzweifelten  Tricks und trotz erlittener Verwundungen das Überleben sichern. Ein berührender Brief seines Bruders Harald über die Brutalität von Nazikollaborateuren  trug die Bestialität des Krieges direkt in die Familie und als der Bruder im letzen Kriegsjahr an der Ostfront fiel war die Trauer unermesslich, und Walter hatte die gesamte Last für die Familie zu übernehmen. Dass dabei der Glaube nicht zerbrach ist wohl dem soliden familiären Hintergrund zu verdanken als auch einfühlsamen Gesprächen mir Kardinal König in denen  Walter erlebte Transzendenz fand und ihm der Glaube an den Glauben erfahrbar wurde.

Das Studium in Innsbruck und Wien erledigte er in Rekordzeit, zwar ohne Maturazeugnis, aber dafür mit Auszeichnung. Im Mittelpunkt stand bereits damals die Einstein`sche Relativitätstheorie. Zunächst die „Spezielle“, die Raum und Zeit koppelt und essentiell auf dem Faktum einer konstanten Lichtgeschwindigkeit aufbaut. Die anschließenden Wanderjahre brachten ihn nach Dublin zu Erwin Schrödinger und zu Bruno Touschek nach Glasgow wo er mit dem Gebiet der Feld- und Elementarteilchenphysik vertraut wurde, was schließlich zu einem Buch „Einführung in die Quanten-elektrodynamik“ führte. Anschließend ging er zu Werner Heisenberg nach Göttingen, dann zu Wolfgang Pauli nach Zürich und zu Fritz Houtermans nach Bern und von dort zu verschiedenen Gastaufenthalten darunter auch nach Princeton wo er mit Albert Einstein zusammentraf. Dabei blieb der Unterschied in der Interpretation der Quantenmechanik bestehen und vertiefte sich zum Teil – Einstein als Realist und Thirring als Quantenspringer.  Im Zuge dieser Wanderjahre war Walter Thirring an der Spitze der weltweiten aktuellen physikalischen Forschung angekommen. In dieser zeit fiel auch die Verehelichung mit seiner Frau Helga, die ihm stets eine Stütze war und zig Übersiedlungen geduldig mit gestaltete. Er hatte Professuren in Deutschland und in den USA in Aussicht, entschied sich aber schlussendlich – zu unserem Glück – 1959 doch für Wien. Dabei musste er zunächst etliche Missstände – technische und personelle Ausstattung des Instituts – und einige forschungspolitische Angelegenheiten klären.

Sein Interessensgebiet lief mehr und mehr in Richtung Quantenfeldtheorie wobei das Quantenfeld den gesamten Raum erfüllt und Materieteilchen nur als lokale Anregungen des Feldes zu verstehen sind; und diese können entstehen und wieder vergehen. Walter Thirring hat in diesem Zusammenhang eine vereinfachte, aber Lorentz-invariante Lösung gefunden die als Thirring-Modell in die Literatur eingegangen ist. Später erwies sich die Zusammenarbeit mit dem Österreicher Julius Wess als sehr fruchtbar zumal dieser gemeinsam mit Bruno Zumino die Supersymmetrie ins Gespräch brachte, die, sollte sie experimentell bestätigt werden, zu den „schönsten“ – natürlich auch aussagekräftigsten – Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft gehören würde. Im forschungspolitischen Bereich bemühte er sich intensiv um den Beitritt Österreichs zum CERN der dann 1959 auch mit einigen Tricks gelang und die Hochenergiephysik in Österreich etablierte. Eine Folge davon war auch eine langjährige und fruchtbare Kooperation mit Universitäten im Donauraum das sogenannte Triangle Seminar. Seine Arbeiten  und sein Engagement für den CERN führten folgerichtig zu einer Berufung als Direktor für das Theoriedepartment an diese weltweit führende Forschungsinstitution.

Nach seiner abermaligen Rückkehr nach Wien -1971- blieb er der Wissenschaft treu und hat dabei eine intensive und sehr fruchtbare Zusammenarbeit mit Elliot Lieb, Heide Narnhofer und Harald Posch  aufgebaut. Als neues Thema trat die Frage nach der „Stabilität der Materie“ in den Mittelpunkt des Interesses, d.h. nach der Faust`schen Frage „Was hält die Welt im Inneren zusammen“. Die Frage erscheint sehr berechtigt zumal Atomkerne als auch Sterne instabil werden und explodieren sobald sie zu groß werden. Nach langen und mühevollen Arbeiten wurde die Lieb-Thirring Ungleichung formuliert, die aufbauend auf die Schrödinger Gleichung und das Pauli Prinzip eine schlüssige Antwort auf die Frage nach der Stabilität gibt. Parallel dazu hat er die Gründung des Erwin Schrödinger Instituts betrieben, welches ihm eine Herzensangelegenheit bedeutet und zahlreiche Wissenschafter, speziell aus den östlichen Staaten nach Wien gebracht hat und in die internationale Forschergemeinde eingebunden hat.

In Summe ein hervorragendes Forscherleben ohne Schrammen im politischen, persönlichen oder wissenschaftlichen Bereich; ein Vorbild für uns Alle.