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Ein außergewöhnliches Leben in einer außergewöhnlichen Zeit

Das Leben von Peter L. Berger

Peter L. Berger`s Leben ist das eines Weltenbummlers. Und das im metaphorischen Sinn des Wortes. Denn als geborener Wiener jüdischer Herkunft sind seine Wurzeln in der gesamten k.u.k. Monarchie zu finden. 

Da sind zunächst einmal die sehr unterschiedlichen Biografien der Eltern – die Mutter italienischer Herkunft, geboren in Zagreb, der Vater Wiener mit ungarischem Hintergrund, ein Legitimist, der sich für die Wiederherstellung der Monarchie stark machte. Die Bergers flüchteten nach dem „Anschluss“ über Triest nach Palästina, wo der Vater eine Anstellung als Manager einer Kaufhauskette erhielt. Ein Leben als Jude im Nazistaat, als Christ in Palästina und schließlich als Soziologe und Theologe in den USA“, so der Begleittext zu Bergers neu im Molden Verlag erschienener Autobiografie „Im Morgenlicht der Erinnerung“.

Lebensweg

Peter L. Berger wurde 1929 in Wien geboren, emigrierte kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges in die Vereinigten Staaten, wo er 1949 am Wagner College zum Bachelor of Art graduiert wurde.

Er studierte anschließend an der New School for Social Research in New York und schloss das Studium 1950 mit einem M.A. und 1952 mit einem Ph.D. (Soziologie) ab.

Nach seiner Tätigkeit als Forschungsdirektor an der Evangelischen Akademie in Bad Boll/Deutschland in den Jahren 1955 und 1956 war er 1956 bis 1958 Assistenzprofessor an der University of North Carolina, sowie von 1958 bis 1963 Associate Professor für Sozialethik am Hartford Theological Seminary.

Anschließend wurde er, zunächst als Associate Professor, dann als Professor, an die New School for Social Research berufen. In den siebziger Jahren war er Professor an der Rutgers University und am Boston College. Seit 1981 lehrt und forscht Peter L. Berger als Professor für Soziologie und Theologie an der Boston University, wo er als Direktor des von ihm 1985 gegründeten "Institute on Culture, Religion and World Affairs nach wie vor leitend und begleitend in mehrere Projekte eingebunden ist. Berger veröffentlichte eine Reihe vieldiskutierter Bücher und Artikel.

Thesen

Berger forscht über Themen der Säkularisierung, Modernisierung und Pluralisierung und geht der Frage nach, wie sich diese gesellschaftlichen Entwicklungen mit institutionalisierter Religion und religiösem Bewusstsein verhalten und worin die Antwort der christlichen Theologie auf diese Entwicklung besteht.

Menschen schaffen einander

Gemeinsam mit Thomas Luckmann stellt Berger die These auf, dass Menschen durch die Gesellschaft einander „schaffen“. Normen, Rollen und andere das Verhalten steuernde Momente haben letztlich ihren Ursprung in Taten von anderen Individuen, die aber wegen ihrer Verankertheit in Institutionen im Alltagsbewusstsein der Mitglieder der Gesellschaft als Fortsetzung der objektiven Natur vorkommen. Taten können den Menschen notwendig oder kontingent vorkommen und diese Zwiespältigkeit ist dementsprechend auch bei der sprachlichen Handlung vorhanden.

Sprache als Werkzeug von Deutung und Interpretation

Die Erwartung einer ungeteilten Wirklichkeit hinter der Sprache erscheint als eine Urform dieser “Versprachlichung” der Außenwelt. Es entsteht eine hierarchische Struktur der Erfahrungen, in der die verschiedenen Erscheinungen mehr und weniger “wirklich” sind. Daher haben die sprachlichen Bedeutungsfelder auch ihre eigene Aggression.

Verschiedene Typologien und Klassifikationen, die Trennung zwischen Subjekt und Objekt und die Trennung zwischen Handeln und Sein gehören in dieser Hinsicht zu den Elementen, die einen selektiven Umgang mit der Wirklichkeit erleichtern.

Berger und Luckmann gehen davon aus, dass man sich durch Sprache zwischen verschiedenen “Zonen” der Wirklichkeit bewegt. Dass also die Sprache, als ein Werkzeug von Deutung und Interpretation, überraschende Elemente, typischerweise an der Grenze der eigenen Erfahrungswelt, durch Assoziation (und Dissoziation) zu Varianten des Bekannten transformieren kann, um eine antagonistische Teilung des Wirklichkeitsbildes des Sprachverwenders zu verhindern.

Sonderrolle der Sprache inmitten von Symbolen

Die sprachlichen Elemente, durch die verschiedene Gebiete der Wirklichkeit miteinander verknüpft sind, nennen Berger und Luckmann Symbole. Für sie sind Religion, Philosophie, Kunst und Wissenschaft Symbolsysteme, und die Sonderrolle der Sprache liegt gerade darin, dass sie die abstrakten, auf Nicht-Anwesendes andeutende Symbolensysteme reifiziert – es macht das aus dem materiellen Leben Losgerissene wieder “körperlich”. Sprechen ist eine Form von Handlung, die das Verständnis von anderen Handlungen beeinflussen kann.

Bekannt wurde Berger vor allem durch seine gemeinsam mit Thomas Luckmann verfasste wissenssoziologische Arbeit „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ aus dem Jahr 1966 (englisch und 1969 deutsch), durch sein gemeinsam mit Brigitte Berger (Long Island University) und Hansfried Kellner (TH Darmstadt) publiziertes Werk „das Unbehagen in der Modernität“ („the homeless mind – modernization and consciousness“), in welchem wissenssoziologoisch bereits im Jahre 1973 die Globalisierungsdebatte und die Diskussion um die „Wissensgesellschaft“ vorweggenommen wurde.

Sowohl in Bergers „invitation to sociology“ (Einladung zur Soziologie) als auch in dem 1981 ebenfalls mit Hansfried Kellner publizierten Buch „sociology reinterpreted“; an essay on method and vocation“ (Für eine neue Soziologie, 1984) wird eine an Max Weber (1864 – 1920; deutscher Jurist, Nationalökonom und Soziologe. Er gilt als einer der wesentlichen Begründer der Soziologie als Wissenschaft) orientierte wissenssoziologische Sicht der Soziologie vorgestellt.

Darüberhinaus hat Peter Berger mit Arbeiten wie "the sacred canopy: elements of a sociological theory of religion" (1967) international die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der modernen Gesellschaft und ihrer kulturellen Befindlichkeit geprägt.

Heute zählen zu seinen zentralen Arbeitsgebieten die Rolle der Religion ("Sehnsucht nach Sinn: Glauben in einer Zeit der Leichtgläubigkeit", 1999) und die ökonomische Kultur von Gesellschaften ("the capitalist spirit: towards a religious ethic of wealth creation", Hg. 1990).

Auszeichnungen

Peter L. Berger ist Ehrendoktor zahlreicher Universitäten (Loyola University, Wagner College, University of Notre Dame, Universität Genf, Universität München), Ehrenmitglied renommierter wissenschaftlicher Gesellschaften und Träger vieler wissenschaftlicher Auszeichnungen und Preise (u.a. 1992 in Wien Auszeichnung mit dem Manès Sperber Preis und 2000 mit dem Ludwig-Wittgenstein-Preis der Österreichischen Forschungsgemeinschaft).

Werke

Invitation to Sociology: A Humanistic Perspective, 1963, Doubleday Publishing

The sozial construction of reality: A Treatise in the Sociology of Knowledge, 1966 mit Thomas Luckmann

Deutsch: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, 1969, Fischer Verlag

The Sacred Canopy: Elements of a Sociological Theory of Religion 1967, Anchor Books 1990 paperback.

A Rumor of Angels: Modern Society and the Rediscovery of the Supernatural 1970, Anchor Books (in print)

Pyramids of Sacrifice: Political Ethics and Social Change, 1974.

Many Globalizations: Cultural Diversity in the Contemporary World, 1974. with Samuel P. Huntington, Oxford University Press

The Other Side of God, 1981, Doubleday Publishing

A Far Glory: The Quest for Faith in an Age of Credibility, 1992, Paperback

Modernität, Pluralismus und Sinnkrise, 1995 mit Thomas Luckmann

Redeeming Laughter: The Comic Dimension of Human Experience, 1997, Walter de Gruyer Verlag

Die Grenzen der Gemeinschaft, 1997, Bertelsmann Stiftung

Sehnsucht nach Sinn. Glauben in einer Zeit der Leichtgläubigkeit 1999, Gütersloher Verlagshau

Many Globalizations, 2002 mit Samuel Huntington

Questions of Faith: A Skeptical Affirmation of Christianity, 2003, Blackwell Publishing