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Leben, Thesen und Werke

Paul Watzlawick - Ein Baumeister der eigenen Wirklichkeit

Paul Watzlawick wurde am 25. Juli 1921 in Villach in Kärnten geboren und starb am 31. März 2007 in Palo Alto, an deren Universität er Jahrzehnte als einer der prominentesten Kommunikationswissenschafter, Psychoanalytiker, Psychotherapeuten, Philosophen und Lehrer geforscht und gelehrt hatte.

Sein Buch „Anleitung zum Unglücklichsein" ist bis heute ein Weltbestseller und wurde in einer Auflage von mehr als 2 Millionen Stück verkauft, wobei sich das Buch in unterschiedlichen Ausgaben immer noch auf den Long-Selling-Listen diverser Verlage befindet. Es wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt und ist bezeichnend für die Fähigkeit von Paul Watzlawick, nicht nur komplexe Dinge einfach zu erklären, sondern auch äußerst witzig, humorvoll und distanziert ironisch zu schreiben.

Paul Watzlawick studierte Philologie und Philosophie an der Universität in Venedig, da er als Jugendlicher schon zweisprachig aufgewachsen ist und promovierte dort im Jahre 1949 im Fach Philosophie. Auch die letzten Kriegsjahre verbrachte Paul Watzlawick in Venedig.

Seine Ausbildung zum Therapeuten erhielt er am renommierten C.-G.-Jung-Institut in Zürich. Jung und dessen- von Freud abweichende- Theorien beeinflussten Paul Watzlawick anfänglich, bevor er sich intensiver der Sprache und der Sprachwissenschaften zuwandte.

Die Kommunikationsprozesse im Alltag, vor allem in interpersonellen Relationen beschäftigten Paul Watzlawick von Anfang an. Aus der konstruktivistischen Lehre, die sich aus dem Strukturalismus der Franzosen entwickelte, leitete er seine Theoreme der interpersonellen Relationen und des „systemischen Denkens" ab, das er wie folgt charakterisierte:

„Der systemische Ansatz basiert auf der Situation im Jetzt und Hier. Das heißt auf der Art und Weise, in der die Menschen miteinander kommunizieren und im Kommunizieren dann in Schwierigkeiten kommen können. Wir versuchen also zu verstehen, wie das menschliche Bezugssystem funktioniert, in dem der sogenannte Patient mitten drinnen steht und mitwirkt. Unsere Frage ist: Wozu? Was ist die Funktion des sogenannten Symptoms? Das geht so weit für mich, dass, wenn ich zum Beispiel Ehe-Therapie betreibe, der Patient nicht mehr der Mann oder die Frau sondern die Beziehung zwischen diesen beiden Menschen ist. Das ist mein Patient. An der Beziehung will ich arbeiten."

Nach einer Professur an der Universität von San Salvador erhielt Paul Watzlawick 1960 ein Angebot der Palo-Alto-Gruppe in Kalifornien, wo er als Forschungsbeauftragter am Mental Research-Institut tätig war. Dort arbeitete er gemeinsam mit dem berühmten amerikanischen Kommunikations¬ wissenschafter, Soziologen und Psychologen Don D. Jackson zusammen. Von ihm aus kam auch der Impuls, sich noch stärker mit Kommunikationstheorie und vor allem mit dem Strukturalismus und Konstruktivismus zu beschäftigen.

Bereits Ende der 60er Jahre erschien ein bahnbrechendes Werk von Paul Watzlawick über den populären, scheinbar verwirrenden Titel „Wie wirklich ist die Wirklichkeit." In diesem Buch entwickelte Paul Watzlawick auch seine fundamentalen Theorien zur Kommunikationssystematik, die man auf fünf Axiome zusammenfassen kann.

Die fünf kommunikationspsychologischen Axiomen 

Axiom 1: „Man kann nicht nicht kommunizieren."

Paul Watzlawick geht davon aus, dass, sobald zwei Personen einander wahrnehmen können, sie automatisch miteinander kommunizieren, da jegliches Verhalten kommunikativen Charakter habe. Für Paul Watzlawick ist jede Art von Verhalten mit Kommunikation gleichzusetzen. Da es nun kein Gegenteil von Verhalten gibt, man sich also nicht nicht verhalten kann, weil man sonst tot wäre, ist es auch unmöglich nicht zu kommunizieren.

Axiom 2: Inhalt und Beziehung

Paul Watzlawick selbst hat das in einem Satz zusammengefasst: „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, wobei Letzterer den Ersteren bestimmt." Paul Watzlawick meint damit, dass der interpersonelle Aspekt stärker ist, als die kommunikative Handlung des Einzelnen selbst. Erst durch die Relationen zwischen Absender und Empfänger entstehen Beziehungen,Kommunikationsmuster und Bedeutungen. Die Art, wie zwei Kommunikationspartner miteinander umgehen, ist die Basis, ob es zu einem Verständnis kommt oder nicht. Zu einem Verständnis kann es laut Paul Watzlawick nur dann kommen, wenn zwischen beiden Kommunikationspartnern eine Ebene der Einigkeit über den Inhalts- und Beziehungsaspekt herrscht. Sobald Botschaften aneinander vorbeigehen, also keine Interrelation stattfindet, misslingt Kommunikation auch.

Axiom 3: Die Interpunktion

Auch die Interpunktion hat Paul Watzlawick in seiner unnachahmlichen Art in einem Satz zusammengefasst: „Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktionen der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt." In der Praxis heißt das, dass jeder Kommunikationspartner den Ablauf einer Kommunikation unterschiedlich gliedert. In der Praxis beobachtet man, dass jemand anstatt zuzuhören bereits die Antwort auf das, was er gar nicht hört, vorbereitet und damit den Kommunikationsprozess anders interpunktiert als das Gegenüber, das sich eine bezugnehmende Antwort auf seine Frage erwartet.

Für Paul Watzlawick ergeben sich daraus vor allem in Beziehungen die häufigsten Streitpunkte und Streitanlässe, sowie irrationalenSchuldzuweisungen, die dazu führen, dass Kommunikation schlussendlich unmöglich wird.

In seinem Buch „Anleitung zum Unglücklichsein" beschreibt Paul Watzlawick ein einleuchtendes Beispiel. Ein Mann hat einen Nagel aber keinen Hammer. Er weiß aber, dass sein Nachbar einen Hammer hat. Und überlegt sich, den Hammer vom Nachbar auszuborgen. Während dieser Überlegungen kommen ihm einige Gedanken zum Verhalten des Nachbarn in den Sinn, nämlich dass er ihn gestern nicht begrüßt habe, dass er vielleicht ein ohnehin inkommunikativer Mensch sei und den Hammer vielleicht gar nicht hergeben würde.

Er selbst, so der Mann mit dem Nagel im Selbstgespräch, würde den Hammer natürlich herleihen. Das Resultat dieser Überlegungen. Der Mensch mit dem Nagel aber ohne Hammer stürmt aus seiner Wohnungstür hinaus, läutet beim Nachbar Sturm und sagt ihm, behalten sie sich ihren Hammer, ich brauche ihn nicht.

Dieses witzige Anekdötchen ist bezeichnend dafür, was Paul Watzlawick einerseits unter Interpunktion, anderseits unter Missverständnis in der Kommunikation meint.

Axiom 4: Digital und analog

Auch hier wieder ein Satz von Paul Watzlawick: „Menschliche Kommunikation ist digital und analog." Paul Watzlawick meint, dass nicht nur das gesprochene Wort sondern auch die nonverbalen Äußerungen, etwa ein Wegblicken oder ein Wegschauen, Kommunikation seien. Für ihn ist das gesprochene Wort digitale Kommunikation, das Nonverbale hingegen analoge Kommunikation. Die digitale Kommunikation verfügt über eine Syntax, eine Grammatik, die analoge Kommunikation hingegen über eine Semantik, also über Bedeutung von Informationen. Erst wenn die digitale und die analoge übereinstimmen, kann eine Botschaft vermittelt werden.

Axiom 5: Symmetrisch oder komplementär

Auch hier wieder ein Satz von Paul Watzlawick: „Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komple¬mentär." Paul Watzlawick meint damit, dass die Beziehung zwischen zwei Menschen auf dem Prinzip der Gleichheit oder Unterschiedlichkeit beruht. In komplementären Beziehungen ergänzen sich unterschiedliche Verhaltens-weisen und bestimmen damit die Kommunikation und Interaktion. Der eine Partner differenziert sich als anders vom anderen. Bei symmetrischen Beziehungsformen hingegen findet das Gegenteil statt, der eine versucht, sich dem anderen anzugleichen. Paul Watzlawick bezieht sich hier auf die Doppelthese von Augustinus, der zwei Anschauungsmöglichkeiten von Welt definiert hat: entweder die Erklärung von Welt durch Identifikation mit ihr oder die Erklärung von Welt durch Distanzierung von ihr.

Positiv Gegenstände zu bezeichnen hieße: Das ist ein Tisch, als Identifikation mit Welt. Negativ distanzierend hieße: Dieses vor mir stehende Objekt ist kein Glas, kein Sessel, kein Diwan, keine Wand. Man schließt alles aus, was ein vor einem stehendes Objekt nicht ist.

Der Konstruktivismus

Der Konstruktivismus geht von einer prinzipiellen Unseparierbarkeit bzw. Verschränkung von Subjekten und Objekten aus. Die Bedeutung des Subjektes wird gestärkt und in dessen umgebenden Netzwerken (Kommunikationsfeldern) betrachtet. Der Beobachter ist Beschreiber.

Er weiss, dass er Beschreiber ist und was er beschrieben hat. In dem er das Leben beschreibt, erzeugt er das Leben. Der Beschreiber steht in Wechselwirkung (über Interaktion bzw. Kommunikation) mit dem Beschriebenen. Es gibt keine Wahrheit (bzw. Wahrheitsnähe) sondern nur ein erhöhtes Konsensniveau. Zentral ist die „Funktionalität" von Wissen.

Ausgehend von diesen Axiomen entwickelt Paul Watzlawick bereits in seinem ersten Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit" seine Basistheorie des Konstruktivismus. Für Paul Watzlawick sind die Umwelt und das Umfeld, das einem begegnet, konstruktivistisch, formieren sich aus den Interpretationen und Projektionen, die man in ein Umgebungsumfeld hineinlegt und so ändert, dass sie den eigenen Vorstellungen möglichst nahe kommen.

Dieser subjektiv interpretierende Konstruktivismus unterscheidet sich von den aus Frankreich kommenden strukturalistischen Ansätzen insofern, als für Paul Watzlawick die Übereinstimmung von analog und digital da sein muss, damit Welt erkannt werden kann.

Der Strukturalismus hingegen sieht in der Dialektik zwischen digitalem und analogem erst die Voraussetzung von Erkenntnis und damit die Bedeutungsrelevanz von Weltkognition.

Abgesehen von diesen beiden Büchern hat Paul Watzlawick eine Reihe von weiteren, sich mit kommunikativen interpersonellen Konflikten befassenden Werken geschrieben, die sowohl populärwissenschaftlich als auch im streng wissenschaftlichen Sinne Anerkenntnis fanden.

Paul Watzlawick ist nach Sigmund Freud sicher einer der größten Psychologen und Psychoanalytiker, ausgestattet mit literarischen Talenten wie kaum einer des 20. Jahrhunderts. Er ist einer der größten Söhne Österreichs, auf die Österreich mit Recht stolz sein kann.

Paul Watzlawicks Werke 

  • Menschliche Kommunikation (mit Janet H. Beavin und Don D. Jackson, 1969)H. Huber
  • Lösungen (mit John H. Weakland und Richard Fisch, 1974), H. Huber
  • Wie wirklich ist die Wirklichkeit?, 1976, Piper Verlag
  • Die Möglichkeit des Andersseins, 1977, H. Huber
  • Gebrauchsanweisung für Amerika, 1978, Piper Verlag
  • Die erfundene Wirklichkeit (Hrsg., 1981), Piper Verlag
  • Die Unsicherheit unserer Wirklichkeit (mit Franz Kreuzer, 1982), Piper Verlag
  • Anleitung zum Unglücklichsein, 1983, Piper Verlag
  • Vom Schlechten des Guten oder Hekates Lösungen, 1986, Piper Verlag
  • Münchhausens Zopf oder Psychotherapie und „Wirklichkeit", 1988, H. Huber
  • Interaktion (Hrsg. mit John H. Weakland, 1990), Piper Verlag
  • Vom Unsinn des Sinns oder vom Sinn des Unsinns, 1992, Picus Verlag
  • Wenn Du mich wirklich liebtest, würdest du gern Knoblauch essen - über das Glück und die Konstruktion der Wirklichkeit, 2006, Piper Verlag